Das Extrovertierten-Ideal, eine junge Norm
Susan Cain zeigt, dass die westliche und vor allem die amerikanische Kultur Kühnheit, Redegewandtheit und Charisma verherrlicht. Dieses Extrovertierten-Ideal ist jedoch alles andere als universell: Anfang des 20. Jahrhunderts wich die auf Integrität gegründete "Kultur des Charakters" einer "Kultur der Persönlichkeit", getragen vom Aufstieg des Verkaufs und den Ratgebern von Dale Carnegie.
Dabei sind laut den von Cain zitierten Studien ein Drittel bis die Hälfte der Menschen introvertiert. Auf Gruppenarbeit ausgelegte Schulen, Großraumbüros, Bewerbungsgespräche: Unsere Institutionen sind für Extrovertierte gedacht, und viele Introvertierte lernen sehr früh, sich zu verstellen.
Zu verstehen, dass diese Norm eine historische Konstruktion ist, heißt aufzuhören, sie mit einer Wahrheit über den Wert der Menschen zu verwechseln.
Ihre Zurückhaltung ist kein Fehler, den es zu korrigieren gilt: Sie ist ein ebenso legitimes Temperament wie die Extraversion.
Das Alleinsein nährt die Kreativität
Cain greift den "neuen Kollektivismus" an: Großraumbüros, Dauer-Brainstormings, zum Dogma erhobene Teamarbeit. Die von ihr zitierten Studien zeigen jedoch: Brainstorming-Gruppen produzieren weniger Ideen als dieselben Personen, wenn sie allein arbeiten, vor allem wegen der Angst vor dem Urteil der anderen.
Auch das von Anders Ericsson erforschte "bewusste Üben", das Musiker und Experten voranbringt, findet allein statt. Steve Wozniak erzählt übrigens, dass er den ersten Apple-Computer allein, abends, in seiner Ecke entworfen hat, bevor er sich mit Steve Jobs zusammentat.
Zusammenarbeit bleibt nützlich, um Ideen gegenüberzustellen und zu verfeinern. Doch die Phase des Erschaffens verlangt Ruhe, Konzentration und Ungestörtheit.
Schützen Sie jeden Tag Zeitfenster für einsame Arbeit: Dort entstehen Ihre besten Ideen.
Den Extrovertierten spielen, ohne sich zu verraten
Nach der von Cain aufgegriffenen "Theorie der freien Wesenszüge" des Psychologen Brian Little kann sich ein Introvertierter wie ein Extrovertierter verhalten, um einem Projekt zu dienen, das ihm wirklich am Herzen liegt: unterrichten, für eine Sache eintreten, ein Unternehmen gründen. Das ist Pseudo-Extraversion, und daran ist nichts Heuchlerisches.
Diese Verrenkung hat allerdings einen nervlichen Preis. Um durchzuhalten, verlangt sie Erholungsnischen: Momente und Orte, an denen man wieder man selbst wird. Little, charismatischer Professor im Hörsaal, zog sich zwischen zwei Vorlesungen systematisch zurück, um seine Batterien aufzuladen.
Verhandeln Sie diese Pausen wie echte Termine in Ihrem Kalender: Spaziergang allein, Büro mit geschlossener Tür, ruhiger Abend nach einem Tag voller Meetings.
Spielen Sie den Extrovertierten, wenn ein wesentliches Projekt es verlangt, und gönnen Sie sich danach systematisch Zeiten zum Aufladen.
Die gezeigten Cover unterscheiden sich aus Rechtsgründen von den Originalausgaben. Die Zusammenfassungen basieren getreu auf den Werken.